15. S(CH)rabble in St. Gallen: Johannes Naumann schnappt sich den Sieg

Von | 8. September 2025

von Hans Trachsel

Wenn es noch eines Beweises bedurfte, welche Dramatik in diesem Spiel steckt, St. Gallen hat ihn geliefert: Zwar stand Khan Nguyen als Finalist schon früh praktisch fest, doch das Ringen um den zweiten Platz im Endspiel war äusserst spannend. Und dann dieses Herzschlagfinale, das alles enthielt von grossartiger Wortkunst bis zu bösen und letztlich matchentscheidenden Irrtümern.
Khan, der Vorjahresfinalist und Sieger von 2023, wollte nach dem um Haaresbreite verpassten Sieg, erstmals nichts sagen dazu. Doch seine Frohnatur brach rasch wieder durch. Er wird die Lehren aus diesem denkwürdigen Spiel zu ziehen wissen. Einzig als er realisierte, dass es vermeintlich einen virtuosen Siegeszug gegeben hätte mit anlegen an sein tolles Bingo VIRTUOSE rang er nochmals kurz um Fassung.
Der 45-jährige Mindset-Coach und Personal Trainer hat diesem Turnier lange Zeit den Stempel aufgedrückt. Erst in Runde 14 passierte es: Es brauchte die stets freundliche und nur im Spiel kompromisslose Blanca Gröbli aus der Schweiz, um mit 438:375 zu zeigen, dass auch Khan nicht unbezwingbar ist. Und dann doppelt in der nächsten Runde die zweite Grossmeisterin aus der Schweiz, Regula Schilling, gleich mit 433:413 nach.


Doch eine Wende bedeutete dies nicht. Khan gewann die drei letzten Spiele souverän, auch zum zweitenmal (!) gegen seinen späteren Finalgegner Johannes Naumann. Dritte wurde die stets zu allem fähige Nadja Dobesch.
Im Endspiel legt Johannes gleich gut los mit dem Anglizismus FRAMTEN und bleibt eine ganze Weile vorn. Abhängen lässt sich Khan freilich nicht, es unterläuft ihm aber ein erstaunlicher Fehler, als Johannes den hübschen Einfall hat, vor BRÄCHTE ein EIN zu legen. Sein Gegenspieler zweifelt das an, er muss in diesem Moment wohl an einen Einbruch gedacht haben.
In der Endphase des hin- und herwogenden Spiels schickt Nguyen die HEUERIN ins Rennen und wagt REINBRÄCHTE. Johannes muss das fast anzweifeln, doch es bleibt stehen. Das Unheil für Khan naht mit der HEILERIN, die Johannes mit Hilfe zweier Joker legen kann. Wie sich zeigt, bei weitem nicht der beste Zug; das wär ein neunfach zählendes INHALIER gewesen. Das fachkundige Publikum findet sowas mit Hilfe des Internets rasch.
Johannes freut sich über diesen bis jetzt wichtigsten Sieg. Bei der nächsten Champions League wird er im Hauptturnier dabei sein und nicht auf das gleichzeitig stattfindende «Trostturnier» angewiesen sein, das er gewann. Gratulation dem 48-jährigen Heilpraktiker und Baumpfleger von zurückhaltenden Wesen, der als Schüler an Wettkämpfen in Mathe und Physik mitgemacht hat und im Training auch das Spiel gegen
sich selbst eingebaut hat mit nachträglichem Überprüfen der Züge.
Khan hat an diesem Turnier das höchste Einzelergebnis realisiert mit 634 Punkten gegen Sybille Wackerle, die sich anderweitig tüchtig schadlos hielt. Johannes dagegen war am einzigen Tausenderspiel beteiligt, allerdings als Verlierer mit 489 zu 541 gegen gegen Friedrich Engelke. Und wie das Leben so spielt: In der nächsten Runde unterliegt Friedrich der entfesselten Regula mit 271:624.
Das Turnier fand an neuem Ort statt, nämlich im Rosenbergsaal des Migros Restaurants im Bahnhof St. Gallen. Die Idyllik vom früheren Ort in der Nähe der drei Weiher ist damit zwar weg, aber es bedeutet weniger Aufwand für die 30 Mitspielenden und hat gut funktioniert. Organisator Lorenz Knöpfli kämpft meist regelrecht um ein genügendes Teilnehmerfeld.
Diskussionen gab’s um die vielen Doppelpaarungen, die hauptsächlich der im Verhältnis zum Teilnehmerfeld hohen Zahl von 18 Spielen geschuldet war. Eine ideale Formel wird sich da wohl schwerlich finden lassen. Wer Hochspannung sucht, soviel steht fest, muss aber unbedingt nach St. Gallen kommen vom 4.-6. September 2026.